FK Sachversicherung am 10. November 2023 in Köln:

Die Auswirkungen des Gebäudeenergiegesetzes auf die Sachversicherung

von Birgit Rappenhöner (09)

Obgleich für diese Veranstaltung ursprünglich nur maximal 25 Teilnehmer zugelassen werden konnten und demnach eine rechtzeitige Anmeldung geboten war, konnte der ehemalige Fachkreisleiter Heinz Nettesheim 27 Besucher, gemeinsam mit den neuen Leitern des Fachkreises Sachversicherung, meine Wenigkeit – Birgit Rappenhöner – und Björn Schmidt zu seiner letzten Veranstaltung im Hause seines Arbeitgebers der MSIG Insurance Europe AG am Kölner Standort zu interessanten und informativen Vorträgen begrüßen.

Wie schon lange geplant, wurde im Rahmen der für den 10.11.2023 geplanten Veranstaltung die Leitung des Fachkreises übergeben und diente somit auch zur Vorstellung der beiden neuen Fachkreisleiter. Des Weiteren haben wir im Rahmen der Sitzung einen neuen Beirat für den Fachkreis gewählt.

Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Diskussion hatten wir ein wohl – gerade auch für die Kollegen aus dem Schadensbereich – spannendes Thema.
Trotz des regnerischen Freitagnachmittags und der geplanten Martinszüge waren die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sehr aktiv und die Veranstaltung ausgebucht.

Dabei konnten einige interessante Referenten gewonnen werden.

Das Referat von Dipl.-Kfm. Karsten Schneider ist nachfolgend in Kurzfassung abgedruckt. Die Vorträge von Dipl. Ing. (TU) Erik Thees und von Prof. Dr. Dirk-Carsten Günther sind nachstehend in voller Länge abgedruckt.

Danach stellt sich die neue Fachkreisleitung selbst sowie den Beirat abschließend kurz vor und gibt einen kleinen Ausblick für 2024.

An dieser Stelle möchten wir uns nochmals herzlichst bei dem Gastgeber MSIG Insurance Europe AG für die Gastfreundschaft und die gelungene Veranstaltung bedanken.

Begrüßung der Tagungsteilnehmer durch Klaus Przybyla (Vorsitzender des Vorstands der MSIG Insurance Europe AG)

Dipl. Ing. (TU) Erik Thees

Kein Holz, keine Schrauben, Energiekrise und keine Handwerker – was hat das Bauen in den letzten Jahren so teuer gemacht?

Der Bau von Gebäuden und Strukturen ist ein komplexer und kostenintensiver Prozess. In den letzten Jahren haben verschiedene Faktoren zu einem Anstieg der Baukosten beigetragen. Diese Faktoren reichen von erhöhten Anforderungen aus Normen und Gesetzen bis hin zu globalen wirtschaftlichen Trends.
Lassen Sie uns einige Wesentlichen Punkte betrachten:

a) Erhöhte Anforderungen aus Normen, Gesetzen und Baurecht

Im Laufe der Zeit wurden die Bauvorschriften strenger, was zu höheren Kosten führte. Diese Vorschriften sollen die Sicherheit, Nachhaltigkeit und Funktionalität von Gebäuden gewährleisten. Beispielsweise erfordern Brandschutzanforderungen erhöhte Maßnahmen in der Statik und Inklusionsaufgaben, Erdbeben- oder Hochwasserschutzmaßnahmen zusätzliche Baumaßnahmen, die die Kosten erhöhen.

In einem Beispiel wurde erläutert, wie sich die Baukosten eines Kindergartens aus den 1970er Jahren zu einem Kindergarten heute verdoppelt haben und dies nicht aus der üblichen Baupreissteigerung, sondern ausschließlich aus den erhöhten Anforderungen an das Raumprogramm, der Gebäudehülle und der Ausstattung heraus.

b) Erhöhte Anforderungen im Bereich Energiesparen

Der Trend zu energieeffizienten Gebäuden hat zu einer Verschiebung der Betriebskosten hin zu den Baukosten geführt. Während energieeffiziente Technologien langfristige Einsparungen bei den Energiekosten ermöglichen, erfordern sie anfänglich höhere Investitionen, was die Baukosten erhöht.

Während für ein Einfamilienhaus eine moderne Gasheizungsanlage einen Kostenaufwand von etwa 12.000 EUR verursacht, wird für eine Wärmepumpenanlage ein Aufwand von etwa 35.000 EUR bis 40.000 EUR notwendig. Bei den heutigen Energiepreisen mit immer noch relativ billigem Gas und relativ teurem Strom sind die Kosten für die kWh erzeugte Wärmeenergie oft bei der Gasheizung nicht teurer als mit der in der Investition teureren Wärmepumpe.

Während die Vergangenheit von dem energiesparenden Bauen geleitet war, ist nun durch die Klimaschutzgesetze der Bundesländer die nächste Stufe eingeleitet worden. Durch die Photovoltaikpflichten und die Optimierungsgedanken in der Bauplanung wird der Baukosteneffekt verstärkt; häufig absolut sinnvolle Investitionen bleiben aber erst einmal Planung. Schlecht für den, der das Geld nicht hat.

So liegt z. B. in Baden-Württemberg die „Schmerzgrenze“ bei den Mehrkosten für die Photovoltaikpflicht bei 20% – somit könnte beispielsweise eine Gewerbehalle anstatt 1.0 Mio EUR nun 1.2 Mio EUR kosten.

c) Handwerkermangel und Fachkräftemangel

Der Mangel an qualifizierten Handwerkern und Fachkräften hat die Baukosten ebenfalls in die Höhe getrieben. Dieser Mangel kann auf eine geringere Attraktivität des Handwerksberufs und eine unzureichende Anzahl an Nachwuchs zurückgeführt werden. Sicherlich ist auch die Akademisierung der Gesellschaft hier mit ein möglicher Grund. Ohne genaue Zahlen zu kennen, erlaube ich mir die Prognose, dass „früher“ viele gute Mathematik- und Physikschüler Handwerker geworden sind.

d) Verkomplizieren des Bauprozesses

Im Gegensatz zu früher, als oft ein einzelner Baumeister die Baustelle leitete, erfordern moderne Bauprojekte ein großes Planungsteam. Diese Komplexität kann den Bauprozess verlangsamen und verteuern, auch wenn ein solch großes Team nicht immer notwendig ist. Hier bestehen Wechselwirkungen zu den unter a) benannten Gründen.

Erik Thees, Dipl.-Ing. (TU)
Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Schäden an Gebäuden, Experte BTE, Partner der THEES+PARTNER Beratende Ingenieure PartGmbB (Trier, Hannover, Stuttgart und München)

e) Billiges Baugeld und dadurch ein erheblicher Nachfrageschub

Niedrige Zinsen und günstige Finanzierungsbedingungen haben zu einem Nachfrageschub im Bausektor geführt. Dieser Nachfrageschub erhöht wiederum die Preise für Bauleistungen und Materialien.

Wohnungen und Einfamilienhäuser sind in der Vergangenheit nicht nach deren tatsächlichen Wert gekauft worden, sondern danach, was die Bank an Finanzierungsmöglichkeiten aufzeigen konnte. Der sehr deutliche Abschwung in den 10-Jahres-Hypothekenzinsen entstand etwa im Jahr 2014 (von etwa 3% auf etwa 1,3% in 2015 bis hin zu den 0,8%-Werten bis 2022). Das bedeutet auch, dass die nächsten Nachfinanzierungen dieser Billigkredite in den Jahren 2025ff folgen werden…

f) Nachfrageschub durch Bevölkerungswachstum

Das Bevölkerungswachstum, besonders in städtischen Gebieten, hat die Nachfrage nach Wohngebäuden erhöht. Dieser Trend hat zu einem Anstieg der Grundstücks- und Baukosten geführt.

g) Kostensteigerung durch Verknappungen an Material und erhöhte Energiekosten

Materialknappheit und gestiegene Energiekosten haben die Preise für Baumaterialien und deren Transport erhöht. Diese Faktoren beeinflussen direkt die Gesamtkosten eines Bauprojekts.

h) Angestrebte Dekarbonisierung

Die Bemühungen um eine Reduzierung des CO2-Fußabdrucks in der Baubranche haben zu einer Präferenz für umweltfreundliche, aber oft teurere Materialien und Technologien geführt.

i) Digitalisierung des Baugewerbes erst auf halbem Weg

Die Digitalisierung im Bauwesen ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bietet sie Effizienzsteigerungen, andererseits sind die anfänglichen Investitionen in Technologie und Schulung oft hoch und noch nicht flächendeckend umgesetzt. Schlechte analoge Prozesse werden in schlechte digitale Prozesse umgesetzt. Die Bauwelt spricht von BIM, also dem detaillierten digitalen Zwilling jedes Gebäudes, aber ein Großteil der Bauschaffenden kann den Umgang damit noch nicht gewährleisten.

j) Weltweiter Superzyklus zu den Rohstoffpreisentwicklungen

Ein globaler Superzyklus, ausgelöst durch massive Nachfrage und langsame Angebotsanpassungen, hat über die letzten Jahre zu einem Anstieg der Rohstoffpreise geführt, der sich direkt auf die Baukosten auswirkt.

k) Tendenzen zu Konzentrationen bei den Baubeteiligten

Die Aufgaben werden immer komplexer und die Zeitschiene hebt die Komplexität zusätzlich. Unternehmen werden quasi zu Zusammenschlüssen und Konzentrationen gezwungen. Diese Konzentration zu großen Ingenieur- und Architekturbüros sowie zu Handwerks- und Sanierungsunternehmen sollte vermeintlich zu einer Steigerung der Qualität führen, führt aber auch zu höheren Preisen.

Hinzu kommt bei öffentlichen Auftraggebern die Ausschreibungspflicht der Planungsleistungen bereits bei einem lächerlich niedrigen Honorarsatz. Auch wenn man hierbei Geld sparen wollte, ist doch eher das Gegenteil entstanden. Bereits mittelgroße Projekte werden in Wettbewerben realisiert, an denen nur große Ingenieur- und Architekturbüros überhaupt teilnehmen können.

Fazit

Die Baukosten sind aufgrund einer Vielzahl von Faktoren gestiegen, die von lokalen Vorschriften und globalen Wirtschaftstrends bis hin zu technologischen Entwicklungen reichen. Diese Komplexität erfordert ein tiefgreifendes Verständnis der Bauindustrie und eine sorgfältige Planung, um Kosten zu kontrollieren und dennoch qualitativ hochwertige Ergebnisse zu erzielen.

Ausblick

Der private Wohnungsbau hat seit Februar 2022 einen massiven Nachfrageschock erlitten, ausgelöst durch die gestiegenen Bauzinsen um mehr als 3%.
Bei einem Kredit von 400.000 EUR bedeutet das eine anfängliche monatliche „Mehrbelastung“ von 1.000 EUR nur für den Zins, ein Umstand, den sich nur noch wenige leisten können. Die Preise sind zunächst aber nur langsam gesunken, da es sich bei Baustellen um langfristige Projekte handelt, die erst einmal beendet werden mussten.

Insofern ist weiter von sinkenden Preisen auszugehen. Die aktuelle Thematik um den Bundeshaushalt und die Unsicherheit in den Förderprogrammen wird diesen Effekt massiv verstärken.

Dipl. Ing. (TU) Erik Thees
Was bin ich? Und was hat das mit Baupreisen zu tun?

Die Notwendigkeit des Heranziehens von öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen ist ein wesentlicher Aspekt in verschiedenen rechtlichen und wirtschaftlichen Kontexten. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, unabhängige und fachkundige Beurteilungen in spezifischen Fachgebieten bereitzustellen. Die Kernaufgaben von Sachverständigen bei Schadensfällen oder allgemeinen Baumängeln umfassen:

a) Die Beurteilung des Schadens und die Bestimmung geeigneter Methoden und Verfahren für die Schadensbehebung. Dies erfordert umfassendes Wissen über Konstruktionsmethoden, Bautechniken, Statik, Baukonstruktionen und die Bauphysik der betroffenen Bauteile.

b) Die Kalkulation der Kosten für die Sanierung. Hierbei ist es entscheidend, die ortsüblichen, zum Zeitpunkt des Schadens gültigen Kosten für die Schadensbeseitigung zu ermitteln. Dies beinhaltet die Kenntnis aller relevanten Vorschriften und Regeln, die für den Wiederaufbau, die Neubaukosten sowie für Reparaturen notwendig sind.

Letztlich geht es im Wesentlichen insbesondere um die Feststellung der ortsüblichen Preise, was eine ihrer speziellen und bedeutenden Funktionen ist.
Öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige spielen eine kritische Rolle in der Aufrechterhaltung von Fairness und Transparenz in verschiedenen Bereichen. Ihre Fähigkeit, ortsübliche Preise festzustellen, ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit, der zur Stabilität und Fairness in Märkten beiträgt. Ihre Unparteilichkeit, ihr Fachwissen und ihre rechtliche Anerkennung machen sie zu einem unverzichtbaren Bestandteil im System der Marktregulierung und im rechtlichen Entscheidungsfindungsprozess.