22. Kölner Rückversicherungs-Symposium

Das Pendel schlägt zurück

von Erik Winkler (ivw)

Am 17. Juni 2026 richtete die Kölner Forschungsstelle Rückversicherung (TH Köln) das 22. Rückversicherungs-Symposium aus. Die ca. 470, teils internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmer erlebten Interviews und Diskussionen, insbesondere zu den Themen „Rückversicherung im Mittleren Osten“, „M&A-Aktivitäten in der (Rück-)Versicherung“ sowie zu verschiedenen Aspekten des Rückversicherungsmarktes. Unterstützt wurde das 22. Kölner Rückversicherungs-Symposium von Howden Re.

Eingangs berichtete Prof. Stefan Materne über die aktuellen Aktivitäten und Entwicklungen der Kölner Forschungsstelle Rückversicherung. Dabei ging er insbesondere auf die aktuellen Forschungsthemen der wissenschaftlichen Mitarbeiter ein. Zusätzlich übernahm er die wissenschaftliche Einführung in die verschiedenen Gesprächsthemen des Tages.

Zu Beginn befragte Dr. Marc Surminski (Zeitschrift für Versicherungswesen) Yassir Albaharna (CEO & Executive Director, Trust Re, Bahrain) zum derzeitigen Konflikt im Mittleren Osten und dessen Folgen für die Versicherungswirtschaft. Dabei betonte Albaharna zunächst, dass der Iran bewusst die industrielle und petrochemische Infrastruktur in der Golf-Region angegriffen habe. Hier seien auch die größten Schäden zu erwarten. Er wies drauf hin, dass Auswirkungen auf die (Rück-)Ver­sicherungs­industrie zu erwarten seien. Albaharna fügte hinzu, dass die Golf-Region zwar nicht aktiv in den Konflikt eingetreten sei, allerdings handele es sich bei den Schäden um Kriegsschäden – unabhängig davon, ob offiziell Krieg erklärt worden sei oder nicht. Zurzeit belaufe sich der gesamte Schaden auf ca. 3 bis 3,5 Mrd. USD. Dabei werde in der Region viel Rückversicherung gekauft, die größtenteils aus dem Londoner Markt bereitgestellt werde.

Auditorium

» In Bezug auf einen Ausschluss der Schäden aus dem derzeitigen Konflikt im Mittleren Osten merkte Albaharna an, dass unter Verträgen mit Standard-Kriegsausschluss eine Deckung wohl nicht bestehe. Sollte allerdings spezifische Kriegsdeckung gekauft worden sein, habe man Schäden zu erwarten. «

Schließlich hob Albaharna hervor, dass der derzeitige Konflikt ebenfalls eine Perspektive biete. So hätten sowohl Versicherungs- als auch Rückversicherungsunternehmen die Möglichkeit, ihre gesamtgesellschaftliche Bedeutung unter Beweis zu stellen. Nach dem Unterschied zwischen dem (Rück-)Versicherungsmarkt im Mittleren Osten und Europa gefragt, hob er zunächst hervor, dass das Gesamtprämienvolumen in Europa um ein Vielfaches höher sei als im Mittleren Osten. Im Mittleren Osten sei die Versicherungsdurchdringung mit ca. 1,6 % geringer als im weltweiten Durchschnitt von entwickelten Ländern, welche bei 7 bis 7,5 % läge. Zudem seien die Konzentration von Risiken und die Schadenaktivität in Europa höher. Darüber hinaus stellte Albahama fest, dass es zunehmend weniger Gründe gebe, Geschäft über den Londoner Markt zu platzieren. Londoner Makler bauten zunehmend einen Standort im Mittleren Osten auf.

Anschließend diskutierte Prof. Stefan Materne (Direktor der Kölner Forschungsstelle Rückversicherung) mit Dr. Peter Thirring (Chairman Supervisory Board, Vienna Insurance Group, Österreich) über M&A-Aktivitäten im Versicherungsmarkt. Thirring erläuterte hierbei zunächst die Philosophie der Vienna Insurance Group. Dabei läge der Fokus darauf, eine gesamte Gesellschaft zu übernehmen und weiterzuentwickeln. Man sei daran interessiert, Unternehmen inklusive der beschäftigten Arbeitnehmer sowie Vertriebs- und Marktstärken zu kaufen. Dies hätte man auch bereits in der Vergangenheit unter Beweis gestellt und mehrmals Gesellschaften zu Marktführern entwickelt. Im Rahmen der Diskussion befragte Materne Thirring ebenfalls zum Erwerb der Nürnberger Versicherung durch die Vienna Insurance Group. Der Kaufpreis, welcher zum größten Teil aus eigener Kraft finanziert wurde, habe 1,38 Mrd. EUR betragen. Die Gespräche hätten bereits Anfang 2025 begonnen und seien zunächst über persönliche Kontakte gelaufen. Die Nürnberger Versicherung passe nach Thirring sehr gut in die Philosophie der Vienna Insurance Group. So werde man die Nürnberger Versicherung im Wesentlichen so übernehmen, wie sie bereits bestehe. Allerdings müsse man auch gewisse Dinge adressieren. Hier führte Thirring u. a. die Eingliederung in die IT-Systeme der Vienna Insurance Group an. Darüber hinaus betonte Thirring, dass die Nürnberger Versicherung momentan sehr stark in einem Überlebenskampf-Modus verhaftet sei. Das Mindset wolle man deutlich offensiver gestalten.

Die abschließende Paneldiskussion wurde von Herbert Fromme (Süddeutsche Zeitung, Versicherungsmonitor) geleitet, der die Teilnehmer in Anlehnung an das diesjährige Thema des Rückversicherungssymposiums fragte, in welchem Abschnitt des Marktzyklus sich der Rückversicherungsmarkt derzeit befinde. Dirk Spenner (CEO International, Gallagher Re) führte an, dass man sich aus Sicht der Rückversicherer in einem fallenden Marktumfeld befinde und momentan keine Grenze in Sicht sei. Spenner betonte ebenfalls, dass diese Entwicklung ein Resultat der globalen Verhärtung des Rückversicherungsmarktes in 2023 gewesen sei.

Lauren Kent (Head of Global Casualty and Specialty, Axis Re, Schweiz) bestätigte, dass man sich momentan in einem fallenden Marktumfeld befinde. Dabei betonte sie, dass es nun wichtig sei, sich auf die richtigen Zedenten zu fokussieren und das Geschäft mit angemessenen Raten zu schreiben. Axis Re sei bereit, Geschäfte abzulehnen, habe aber stets die gesamte Geschäftsbeziehung mit den jeweiligen Zedenten im Blick. Laurent Montador (Deputy CEO, Arundo Re, Frankreich) machte deutlich, dass er überrascht gewesen sei, wie schnell der Markt nach der Verhärtung in 2023 gefallen sei. Wie zuvor Kent stellte auch Montador fest, dass man bereit sei, Geschäfte abzulehnen. Man habe allerdings ebenfalls die gesamte Geschäftsbeziehung im Blick und versuche nicht opportunistisch zu handeln. Gleichermaßen betonte Alexander Zeller (Board Member, Gen Re) die Bereitschaft, Geschäfte abzulehnen. Dabei käme es nicht nur auf die jeweiligen Konditionen an. So sei die Entscheidung, Geschäfte abzulehnen, auch davon abhängig, ob man eine weite Geschäftsbeziehung über mehrere Sparten mit einem Zedenten habe. Gefragt nach den Charakteristika des derzeitig fallenden Marktumfeldes betonte Spenner zunächst, dass die letzte Marktverhärtung in 2023 nicht nur von steigenden Preisen, sondern gleichzeitig von ansteigenden Selbstbehalten und einer Limitierung des Deckungsumfangs geprägt gewesen sei. Das momentan fallende Marktumfeld sei wesentlich vom Preis getrieben. Selbstbehalte fielen zwar zunehmend durch die Inflation, allerdings seien Zedenten momentan eher darauf bedacht, die zuvor gezahlten Preiserhöhungen wieder einzuholen.

» Auf die Frage von Fromme, ob sich der Rückversicherungsmarkt momentan zu sehr an den Bedürfnissen der Investoren ausrichte, entgegnete Zeller, dass es nötig sei, einen entsprechenden Return on Equity zu zeigen, um Gelder von Investoren anzuziehen. Investoren schätzen keine Volatilität, und daher sei ein entsprechender Fokus auf die Zedenten unabdingbar. «

Des Weiteren unterstrich Zeller, dass man als Industrie einen guten Job gemacht habe, die vergangenen Cat-Schäden zu bezahlen, obwohl Klimarisiken nicht eingepreist worden waren. Kent bestätigte Zellers Aussage und betonte, dass bei ausbleibendem Profit eine Reaktion der Investorenseite zu erwarten sei. Spenner fügte hinzu, dass der Rückversicherungsmarkt grundsätzlich gesund sei. Es sei dabei Aufgabe von allen Marktteilnehmern, mit harten und weichen Marktphasen umzugehen. Auf die Frage nach den zuletzt aus dem europäischen Markt getätigten Emissionen von Cat Bonds entgegnete Zeller, dass es grundsätzlich nicht zu begrüßen sei, wenn mehr Kapazität auf den Markt ströme. Allerdings sei es für die Rückversicherungsindustrie auch ein gutes Zeichen, da sie weiterhin Kapital anziehe.

In Bezug auf die Versicherbarkeit von Risiken aus künstlicher Intelligenz war sich das Panel einig, dass es momentan keinen Ausschluss für diese Risiken gebe. Montador stellte heraus, dass es zunächst wichtig sei, künstliche Intelligenz zu definieren. Die Risiken seien bereits da, und man müsse damit umgehen. Kent ergänzte, dass es für sie von essenzieller Bedeutung sei, die Risiken zu verstehen und in den entsprechenden Risikotoleranzen zu operieren. Zeller betonte, dass man bei der Gen Re generell vorsichtig sei in Bezug auf die Übernahme von Cyber-Risiken. Allerdings könne man sich zum Beispiel im Bereich der Produkthaftpflicht einen Ausschluss vorstellen. Darüber hinaus stellte Zeller fest, dass er sich in Bezug auf Cyber-Risiken / künstliche Intelligenz ein Szenario vorstellen könne, welches zu einem großen Marktschaden führe. Dies werde Einfluss auf die Struktur des Produktes haben. Auf die Frage nach der Versicherbarkeit von Schäden aus Klimarisiken antwortete Kent, dass es auf die jeweilige Sparte ankäme, ob es Sinn mache, den Staat zu involvieren. Montador fügte hinzu, dass Präventionsmaßnahmen nicht vernachlässigt werden dürften. Zeller hob hervor, dass der Staat hinsichtlich Prävention nur involviert werden sollte, wenn dies unvermeidlich wäre. Gefragt nach derzeitigen Schwachpunkten in der Rückversicherungsindustrie erwähnte Kent die US-Casualty-Sparte. Man müsse die Entwicklungen genau beobachten. Zeller stimmte Kent zu und ergänzte, dass die Kosten momentan schneller steigen würden als die Raten. Ferner betonte er, dass ihm potenzielle PFAS-Schäden Sorge bereiteten. Zwar könne man PFAS heutzutage ausschließen, allerdings berge die Vergangenheit noch Schadenpotential.
Für die stetig größer werdende Teilnehmerzahl aus dem internationalen Umfeld wurde auch in diesem Jahr eine englische Simultanübersetzung angeboten.
Im Anschluss an das Symposium nutzten die Teilnehmer bei dem Get-together die Gelegenheit für weitere Diskussionen, pflegten bestehende und knüpften neue Kontakte.

Autor:
Erik Winkler: wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kölner Forschungsstelle Rückversicherung (Leitung: Prof. Stefan Materne) an der TH Köln

Fotos: ©Katrin Lübeck

Prof. Stefan Materne

v.l.n.r.: Yassir Albaharna und Dr. Marc Surminski

v.l.n.r.: Dr. Peter Thirring und Prof. Stefan Materne

Simultanübersetzung

v.l.n.r.: Herbert Fromme, Dirk Spenner, Lauren Kent, Laurent Montador, Alexander Zeller