Fachkreistagung Rückversicherung und Versicherungsrecht
Kapitaloptimierung durch Rückversicherung
Strukturierte Ansätze zwischen Solvenz, Ergebnis und Risikotransfer
von Jonas Warnke (17), Jens Ziser (K/D2)

Die Fachkreistagung Rückversicherung und Versicherungsrecht der VVB zum 75-jährigen Bestehen der Vereinigung am 24. April 2026 bot den rundum stimmigen Rahmen für einen intensiven fachlichen Austausch zu den aktuellen Entwicklungen an der Schnittstelle von Aufsicht, Rückversicherung und Kapitalmanagement. Gastgeber der Veranstaltung war die BarmeniaGothaer, vertreten durch Markus Eich, dem seitens der VVB ein ausdrücklicher Dank für die hervorragende Organisation und Gastfreundschaft ausgesprochen wurde.
In seiner Begrüßung stellte Markus Eich zunächst Zahlen, Daten und Fakten zur neu formierten BarmeniaGothaer vor und gewährte den Teilnehmenden einen Einblick in das erste gemeinsame Geschäftsjahr nach der Fusion. Dabei wurde deutlich, welche operativen, bilanziellen und strategischen Herausforderungen – aber auch Chancen – sich aus einem solchen Zusammenschluss ergeben. Die anschließende Vorstellung von Thema und Agenda spannte den fachlichen Bogen der Tagung: Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die Rückversicherung als Instrument der Kapitaloptimierung eingesetzt werden kann, um Solvenzanforderungen, Ergebnisstabilität und effektiven Risikotransfer in Einklang zu bringen.
Keynotes
Das Altersvorsorgegesetz als Disruptions-Katalysator
Georg Henig, Senior Partner, Roland Berger
In seiner Keynote skizzierte Georg Henig eindrücklich die strukturellen Herausforderungen der deutschen Altersvorsorge. Ausgangspunkt seiner Analyse war die bekannte, aber zunehmend drängende Realität: Die gesetzliche Rente ist nicht mehr ausreichend, um den Lebensstandard im Alter zu sichern. Rund 20 % Rentenlücke seien die Folge – auch deshalb, weil sich die politische Haltelinie auf Bruttowerte beziehe, während die realen Ausgaben weiterhin steigen.
Besonders kritisch beleuchtete Henig die Situation der Lebensversicherer. Hohe Kostenquoten und komplexe Produkte führten dazu, dass klassische Lebensversicherungsprodukte für viele Kundengruppen an Attraktivität verlieren – mit der provokanten Frage, ob sich Teile der Branche damit langfristig selbst obsolet machen. Er verwies darauf, dass rund ein Drittel des Neugeschäfts aus Dynamiken stammt und hiervon wiederum ein großer Teil durch Verträge der Boomer-Generation getrieben wird. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung seien reale Prämienrückgänge von bis zu 40 % keineswegs unrealistisch.
Mit Blick auf das geplante Altersvorsorgegesetz erwartet Henig mehr Wettbewerb durch neue Marktteilnehmer, flankiert durch einen Kostendeckel von 1 %. Für die Branche selbst eröffnen sich Chancen – etwa durch die weiterhin vorhandene Stärke lebenslanger Renten – zugleich aber auch erhebliche Risiken. Eine Live-Abstimmung im Publikum zeigte insbesondere bei den unter 35-Jährigen ein eher verhaltenes Vertrauen in klassische Versicherungsprodukte. Insgesamt werde der „Kuchen“ der Altersvorsorge jedoch größer, sodass es neue Möglichkeiten gebe, sich daran zu beteiligen. Henig sah hier insbesondere Depotlösungen, White-Label-Modelle, Banklizenzen oder Wealth-Management-Ansätze als potenzielle Wachstumsfelder. Voraussetzung sei jedoch eine konsequente interne Transformation der Lebensversicherer, einschließlich tiefgehender Portfoliobewertungen und – wo sinnvoll – auch partieller Run-off-Lösungen, immer unter dem Leitmotiv „Value for Money“.
Rückversicherung und Aufsicht: hinreichender Risikotransfer
Dr. Gunbritt Kammerer-Galahn, Partnerin, Taylor Wessing
Der zweite Vortrag widmete sich der Frage, wann Rückversicherung aus aufsichtsrechtlicher Sicht tatsächlich als Risikotransfer anerkannt wird. Dr. Kammerer-Galahn führte zunächst in die Grundlagen der SCR-Berechnung und der versicherungstechnischen Risiken ein. Während unter Solvency I noch sehr vereinfachte Berechnungslogiken galten, habe Solvency II seit 2016 zu einer deutlich differenzierteren und risikosensitiveren Betrachtung geführt.
Zentral war die klare Abgrenzung zwischen echter Rückversicherung und reinen Finanzierungsstrukturen. Letztere führten aufsichtsrechtlich zu keiner Kapitalentlastung und müssten entsprechend sauber identifiziert werden. Im weiteren Verlauf ging Frau Dr. Gunbritt Kammerer-Galahn auf zentrale Vertragsklauseln ein, die in Rückversicherungsverträgen hohe praktische Bedeutung haben – insbesondere Schiedsklauseln und die „Follow-the-Settlement“-Regelung.
Bemerkenswert war ihre Einschätzung, dass trotz des nach außen gepflegten „Gentleman Agreements“ zwischen Erst- und Rückversicherern die Zahl formaler Schiedsverfahren in der Praxis spürbar zunehme.
Strukturierte Rückversicherung als Kapitaloptimierungsinstrument
Dr. Peter Liebwein, Associated Member, LMU
Dr. Peter Liebwein stellte strukturierte Rückversicherungslösungen in den Kontext der aktuellen globalen Herausforderungen. Geopolitische Unsicherheiten, ökonomische Volatilität und technologische Umbrüche erhöhten den Anpassungsdruck auf die Branche – mit der Konsequenz, dass auch künftig mit einer hohen Dynamik bei Fusionen und Übernahmen zu rechnen sei.
Im technischen Teil seines Vortrags beleuchtete er ART-Strukturen und SCR-Quoten und stellte fest, dass deutsche Erstversicherer unter Solvency II insgesamt sehr solide kapitalisiert seien. Anhand von Loss Portfolio Transfers und Netto-Quoten zeigte er zwei konkrete Instrumente auf und erläuterte deren Wirkungsweise für Kapitalentlastung, Ergebnisglättung und Bilanzsteuerung.
Im zweiten Block rückte die Shareholder-Perspektive in den Fokus. Viele Versicherer blieben beim Return on Equity hinter den Erwartungen zurück, während die Kapitalkosten typischerweise bei 6–8 % lägen. Rückversicherung könne hier helfen, insbesondere durch den gezielten Schutz gegen Extremszenarien. Interessant war dabei der Exkurs zur Schwankungsrückstellung: Ihre optimale Nutzung führe zwar zu mehr Stabilität, aber zugleich dazu, dass Ergebnisse in guten Jahren weniger spektakulär ausfallen – ein Aspekt, der nicht immer intuitiv verstanden werde.
Zum Abschluss stellte Liebwein eine Zukunftsfrage in den Raum: Mit dem Fortschreiten des autonomen Fahrens könnte die Schadenfrequenz in der Kfz-Haftpflicht drastisch sinken. Gleichzeitig entstünden neue Risikoherde in Cyber- und Engineering-Sparten. Die Diskussion drehte sich um die Frage, ob der Bedarf an Versicherung dadurch eher abnehmen oder sich strukturell verändern werde.
Der Rückversicherungszyklus: alles wie immer?
Johannes-Stefan Kowitz, Senior Vice President, Guy Carpenter
Nach der Pause analysierte Johannes-Stefan Kowitz den aktuellen Marktzyklus der Rückversicherung. Er sprach von einem „New Normal“ annualisierter versicherter Schäden von über 100 Mrd. US-Dollar. Während der Anteil der Rückversicherer bis 2022 bei rund 20 % lag, sei dieser seit 2023 im Zuge der Hartmarktphase und erhöhter Prioritäten auf etwa 13 % gesunken.
Positiv aus Rückversicherersicht sei, dass seit 2020 wieder nachhaltig die Kapitalkosten verdient würden. Ein einzelnes großes Katastrophenereignis, so Kowitz, werde jedoch nicht ausreichen, um den Markt erneut zu verhärten; dafür wären aggregierte Marktschäden von über 250 Mrd. US-Dollar erforderlich. Exogene Faktoren – etwa abrupte Zinsänderungen – könnten dagegen sehr wohl einen Wendepunkt darstellen.
In seiner Schlussfolgerung führte Kowitz aus, dass Rückversicherer heute deutlich technischer agieren als früher. Entscheidungen seien stärker zentralisiert und würden auf höherer Ebene getroffen. Den Zyklus selbst könne man nicht verändern, wohl aber dessen Auswirkungen auf das eigene Unternehmen über eine längere Zeit strecken und damit die Abhängigkeit von kurzfristigen Marktschwankungen reduzieren.
Captives als strategisches Kapitalinstrument
Georg Manthey, Senior Managing Broker, Ecclesia Re
Georg Manthey widmete sich dem Thema Captives und ordnete deren aktuelle Bedeutung für Unternehmen ein. Weltweit existieren inzwischen mehr als 6.000 Captives. Während deutsche Unternehmen seit vielen Jahren auf Captive-Lösungen setzen, befinden sich die meisten dieser Gesellschaften in etablierten internationalen Domizilen. In Deutschland selbst sind bislang nur vergleichsweise wenige Captives ansässig.
Der Vortrag gab einen Überblick über die Einsatzmöglichkeiten von Captives innerhalb der unternehmerischen Risikofinanzierung. Manthey erläuterte die Rolle von Captives im Zusammenspiel mit Versicherern und Rückversicherern und zeigte anhand von Praxisbeispielen auf, welchen Beitrag sie zur strategischen Steuerung von Risiken leisten können.
Gleichzeitig betonte Manthey, dass eine Captive kein Selbstzweck sei. Aufbau und Betrieb erforderten entsprechende Ressourcen und eine langfristige Perspektive. Voraussetzung seien insbesondere eine ausreichende Risikomasse, ein klar definierter Risikoappetit sowie die Unterstützung durch das Top-Management.
Abschließend ging Manthey auf Erfahrungen aus der Praxis ein. Erfolgsentscheidend seien eine belastbare Datenbasis, eine sorgfältige Analyse der Risikofinanzierung und die frühzeitige Einbindung der relevanten Stakeholder im Unternehmen.
Finanzrückversicherung in der Lebensversicherung
Andreas Glaser, Head of Contracts, Wordings & Claims, Partner Re Life Zürich
Den abschließenden Fachvortrag hielt Andreas Glaser, der die Besonderheiten von Finanzrückversicherungslösungen in der Lebensrückversicherung erläuterte. Ein zentraler Punkt war, dass sich im Lebensversicherungsbereich – anders als in der Schaden-/Unfallversicherung – die quantitative ERD-Prüfung deutlich einfacher darstellt, insbesondere, wenn es sich um ein zediertes Originalgeschäft handelt. Gleichzeitig ist das Stornorisiko seit Solvency II als eigenes Risikomodul im Lebens-SCR verankert.
Anhand von Mass-Lapse-Deckungen zeigte Glaser, wie die Rückversicherung gezielt zur Absicherung von Kapital- und Liquiditätsrisiken eingesetzt werden kann. Solche Deckungen greifen nicht bei einzelnen Schadenereignissen, sondern bei Überschreiten aggregierter Schwellenwerte und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur SCR-Optimierung. Ergänzend ging er auf VIF-Transaktionen ein, bei denen zukünftige Gewinne vorfinanziert werden – ein Instrument, das aktuell zunehmend im Fokus der Aufsicht steht und intensiv geprüft wird. Insgesamt wurde deutlich, wie hoch die Anforderungen an hinreichenden Risikotransfer, Vertragsdokumentation und Governance inzwischen sind.
Paneldiskussion und Abschluss
Den fachlichen Schlusspunkt setzte eine Paneldiskussion unter der Leitung von Prof. Stefan Materne, in der insbesondere die Rolle der Finanzrückversicherung zwischen Risikotransfer, Kapitalentlastung und Aufsicht kritisch reflektiert wurde. Die Diskussion machte einmal mehr deutlich, dass Rückversicherung weit mehr ist als ein reines Absicherungsinstrument – sie ist ein zentrales Element strategischer Unternehmenssteuerung.
Die Fachkreistagung bot damit nicht nur fundierte Einblicke in aktuelle Markt- und Regulierungsthemen, sondern auch zahlreiche Impulse für die praktische Umsetzung im Unternehmensalltag.
Wir bedanken uns bei unserem Gastgeber, der BarmeniaGothaer, unseren Vortragenden und allen Anwesenden, die durch ihre Fragen und Beiträge zu einer kurzweiligen und interessanten Veranstaltung beigetragen haben.
Fotos: Nicole Gordine, Grafikhaus










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