Beitrag von der Podiumsdiskussion bei der MV 2022:

Die Sturzflut 2021 in der Region Ahr und Voreifel

Persönliche Erinnerungen und Erkenntnisse aus dem Einsatz als Sachverständiger / Regulierer vor Ort
von Felix Nüsperling (kor. M.)

Im Sommerurlaub 2022 jährte sich die Sturzflut; beruflich ist das Ereignis für mich und unser Büro abgeschlossen; wie ich am 14.7.2022 feststellte, habe ich es emotional wohl noch nicht abgeschlossen.

Ein Jahr zuvor waren wir im Sommerurlaub und bekamen von Verwandten und Freunden ab dem 14.7.2021 die ersten Infos zur Intensität des Ereignisses mit den ersten Überflutungen im Dortmunder Stadtgebiet; wir verfolgten den Verlauf im Internet und am 15.7.2021 erreichte mich eine erste Email eines Kunden, der um Unterstützung nachfragte. Telefonisch wurde dann die Dringlichkeit unterstrichen und wir diskutierten in der Geschäftsleitung, welchen Umfang wir übernehmen und wie wir die Aufgabe umsetzen könnten. Der Umfang nahm von Seiten unserer Kunden stetig zu und letztlich haben wir Umfänge angenommen, die wir in normalen Zeiten nie angenommen hätten. Uns war aber von der ersten Kontaktaufnahme klar, dass wir hier helfen müssen, unseren Kunden bei den Versicherungen und auch deren Versicherungsnehmern.

Die weit über 400 Regulierungs- und Gutachtenaufträge teilten sich letztlich in 4 Bereiche auf:

  • Schäden aus Verträgen der Technischen Versicherung, wie wir sie in großer Stückzahl jedes Jahr bearbeiten,
  • Schäden aus Verträgen Sach + Gebäude mit der Ergänzung Elementar, die wir regelmäßig wenn auch nicht aus Elementar heraus bearbeiten,
  • Hausratschäden, die wir eher selten bearbeiten und,
  • Schäden aus Sach-Inhaltsversicherungen, die wir regelmäßig bearbeiten, wenn auch nicht aus Elementar.

Die große bekannte Herausforderung bestand natürlich in der in kurzer Zeit zu bearbeitenden Menge; wir haben die Aufträge aus einem Zustand der annähernden Vollauslastung übernommen. Hinzu kamen uns unbekannte logistischen Herausforderungen vor Ort und die psychische Belastung. Beides in einem Maße, wie ich es mir vorher nie hätte vorstellen können.

Speziell für die Regulierungsaufträge Gebäude und Hausrat haben wir in kurzer Zeit neue, an die besonderen Herausforderungen angepasste Abläufe erstellen müssen.

Da wir ja nicht annähernd genug Bauingenieure in der Region hatten, haben wir einen strukturierten Aufnahmeablauf vor Ort erstellt; das ermöglichte es, auch Elektriker und Maschinenbauer einzusetzen, um der Masse Herr zu werden.

Unsere Baumitarbeiter erstellten einen Erfassungsbogen wir integrierten ihn in wenigen Tagen in unser digitales vor-Ort-Erfassungssystem. So konnten die vor Ort Eingesetzten die Daten per Smartphone/Tablet erfassen, dokumentieren und zu jedem Vorgang am Abend zu Hause hochladen; die Kollegen der Abteilung Bau konnten dann auf Basis dieser Daten eine erste Kostenschätzung vornehmen. Außerdem hatten die Baukollegen einige Punkte in den Erfassungsbogen eingebaut, bei denen sofort eine Nachbesichtigung durch einen Bauingenieur festgelegt wurde: Fachwerk, Holzständerbauwerke, Fertighäuser, Häuser mit Holzbalkendecken, sichtbare statische Probleme. Vor Ort haben wir dann jedem Objektbesitzer eine Liste mit Sanierern und eine erste Handlungsempfehlung in die Hand gedrückt. Und natürlich gab es nicht annähernd genug Sanierer, um der Masse in einer für die Betroffenen angemessenen Zeit Herr zu werden.
Ebenfalls digital erfassten wir die Hausratschäden. In relativ vielen Fällen, ca. 15% konnten wir die Werte nur auf Basis pauschaler Zahlen ermitteln; da war die Flut zur Haustür reingelaufen und hatte schlicht allen Hausrat zur Veranda- oder Kellertür rausgeschoben.

Die Zahlen dienten immer als grobe Überprüfung der vor Ort mit dem VN erstellten Aufstellungen aus Gedächtnisprotokollen und Fotos vom Schutt vor der Haustür. Das feuchte Zeug musste ja raus, bevor es gammelt und massive Kontamination des gesamten Baukörpers mit Schimmelsporen und anderem auslöste.

Die Gebäudeschäden boten alles, von kleineren Schäden mit 10.000 € im Raum Zülpich bis hin zu Totalschäden und weggespülten Häusern an der Ahr.

Bei Hausrat hatte häufig die Wohnungseinrichtung und alles im Keller Befindliche einen Totalschaden erlitten; bei Wasserständen von über 1m im Erdgeschoss kein Wunder. Ein Versicherungsnehmer hatte in seinem Keller eine ansehnliche Rotweinsammlung in Höhe von ca. 30.000 € verloren und ein anderer eine umfangreiche Bibliothek von einem Wert im mittleren 5-stelligen Bereich. Andere, weniger Begüterte hatten wirtschaftlich geringwertige aber emotional hochwertige und unwiederbringliche Erinnerungen an Eltern oder Großeltern verloren. Bei Hausrat sahen wir einen repräsentativen Querschnitt durch die Bevölkerung von der Katastrophe betroffen. Bei Sach-Inhalt haben viele Corona geschädigte Betriebe den nächsten Tiefschlag erlitten und einige haben Insolvenz angemeldet.

Die Schäden waren immer abhängig von der versiegelten Fläche ums Objekt herum und der Fließgeschwindigkeit des Wassers. Im Schnitt lag die von uns in Augenschein genommene Schadenhöhe bei den Gebäudeschäden bei ca. 150.000 €. War der VN in der Lage, die Boden- und Wandbeläge in Eigenleistung auszubauen, schritt die Sanierung schnell voran, musste der VN auf Sanierer warten, zog es sich hin. Die allgemeine Preis- und Kostenexplosion sowie die Lieferkrise hat die Ersatzbeschaffung und Instandsetzung noch verschärft. Lange Lieferzeiten bei Material durch Corona-bedingte Lieferkettenprobleme und Abhängigkeiten von China sind das Eine; und wenn Bund, Länder und Gemeinden zum anderen 20 Jahre kein Geld in Infrastruktur wie Straße, Schiene, Schule, Netz stecken, gibt es halt auch schon für den Normalbetrieb mit Energie- und Mobilitätswende zu wenig Handwerker.

Soweit der sachlich/fachliche Ablauf; was machte die Arbeit für alle vor Ort denn so besonders? Nun, vor Ort gab es zum Teil keine Straßen und Brücken mehr, das Mobilfunknetz war zunächst nicht vorhanden, und dann standen keine Datenvolumina zur Verfügung. Es gab keine Geschäfte des täglichen Bedarfs mehr, die waren in den Sturzflutregionen ja auch betroffen und verwüstet.

Es gab häufig kein fließendes Wasser und auch keine öffentlichen Toiletten oder Restaurants, Supermärkte, die wir ja sonst aufsuchen können für die Befriedigung der urmenschlichsten Bedürfnisse wie Essen und Trinken etc. Und ganz banal gab es teilweise auch keine Parkplätze mehr, die waren weggespült oder dienten als Lagerfläche für Schutt jeglicher Art.

Fahrzeiten waren extrem lang, für 40 km benötigten wir zum Teil 2,5 h Fahrzeit; Autobahn, Bundes- und Landstraßen waren massiv betroffen und über den Rest wälzte sich der Schwerlastverkehr. An der Ahr waren dazu viele Brücken zerstört. Hotelkapazitäten waren an Ahr und Voreifel kaum vorhanden; die waren zerstört oder durch Flutopfer genutzt.

Die Ortstermine waren sehr zeitintensiv, da wir vor der sachlichen Aufnahme vor Ort ganz häufig eine Stunde eher seelsorgerische Aufgaben für die Versicherungsnehmer zu leisten hatten. Viele der Betroffenen hatten Todesangst durchlebt, im ersten Stock ohne Strom/Licht, ohne Telefonnetz bei tosendem Wasser ums Haus herum. Viele kannten im eigenen Ort oder im Nachbarort durch die Sturzflut Verstorbene. Bei den von mir durchgeführten Terminen sind die Versicherungsnehmer in fast allen Fällen in Tränen ausgebrochen, mussten uns die Ereignisse schildern; nicht, weil wir es erbeten hatten, sondern weil sie es aussprechen und loswerden mussten. Am meisten nahmen mich die Schilderungen in zahlreichen Haushalten mit Kindern mit; die Eltern berichteten davon, dass die nicht mehr duschen wollten, weil das Duschgeräusch sie an das Tosen des Wassers ums Haus herum erinnerte. Und kaum hatten die Flutopfer mit den Erstmaßnahmen begonnen, sammelten Feuerwehr und Polizei sie schon wieder ein, da Talsperren zu brechen drohten, was innerhalb von wenigen Minuten zu einer mehrere Meter hohen Flutwelle durch die davon bedrohten Regionen geführt hätte; zum Glück ist das nicht auch noch eingetreten.

Ein Mitarbeiter von uns hat an der Ahr einen Toten im Baum gesehen; er konnte nach Auskunft der örtlichen Sicherheitskräfte zu dem Zeitpunkt noch nicht geborgen werden, da der Zugang dorthin nicht sicher möglich war. Ein VN war von oben bis unten mit Schnittwunden übersät; er hatte Glück im Unglück gehabt und konnte sich, im Keller eingeschlossen, durch ein Kellerfenster retten, das ein Baumstamm von außen aufgebrochen hatte.

Was halte ich davon, dass der Staat jenen massiv hilft, die keine Elementar-Deckung hatten? Nicht viel, denn dann müsste ja auch jeder, der die Deckung abgeschlossen hat und nicht betroffen war, bis zu 80% seiner zuletzt gezahlten Prämien zurückbekommen. Die aktuell favorisierte Variante, Elementar einzuschließen mit einer Abwahlmöglichkeit halte ich für den richtigen Weg.

Was haben wir gelernt? Unsere Organisation ist jetzt vorbereitet, noch schneller Berichte und Erstinfos an die Versicherungskunden zu senden. Wir haben digitale Möglichkeiten für SMS-Versand von Datenlinks usw. aufgebaut; in den ersten Tagen gibt es keine große Bandbreite im Netz, die VN haben aber häufig Zeit und Bereitschaft, selber vorab Listen auszufüllen, die wir dann bei Ortsterminen nur noch abprüfen mussten. Dadurch sind mehr Termine an einem Tag möglich.

Was ändert sich an der Infrastruktur in der Zukunft und wie wirkt sich das auf die Schäden aus?

Wir sind auf dem Weg zur dezentralen Energieversorgung, allgemein als Mobilitäts- und Energiewende bezeichnet. Die führt zu einer „All Electric Societey“, fast alles wird also elektrisch betrieben werden. Erkennen lässt sich das bereits an den identischen Kernkomponenten, die in Gebäuden und (Elektro) Pkw verbaut sind: Wechselrichter (im Pkw heißen die Inverter), Batteriespeicher, Ladeinfrastruktur, Wärmepumpe zum Heizen, Zentralelektrik. Künftig wird es also nicht mehr reichen, die örtlichen zentralen Einrichtungen der Energieversorgung in Stand zu setzen, um eine Region wieder ans Stromnetz zu bringen. Jedes einzelne Gebäude als Teil der dezentralen Energieversorgung muss dann den zu Schaden gekommenen Teil in Stand setzen lassen; und der wird umfangreich sein, da die Wechselrichter, Batteriespeicher, Wärmepumpen mit der Zentralelektrik meist im Keller stehen und die Ladeinfrastruktur ebenerdig aufgebaut ist; die werden alle von Flutschäden betroffen sein und das führt direkt zu Fragen zum Versicherungsumfang. Aber natürlich steigen durch die Energiewende auch die Gebäudegebundenen Betriebseinrichtungen und sorgen für höhere Versicherungssummen bei Gebäude und Technischen Versicherungen.

Vielleicht sollte die Versicherungsindustrie auch Pläne für die psychologische und seelsorgerische Betreuung vor Ort erstellen; denn viele der unmittelbar Betroffenen aber auch der mittelbar Betroffenen, sind in unterschiedlichem Maße psychisch belastet worden.

Was hat mir in den Wochen vor Ort geholfen? Die große gegenseitige Hilfsbereitschaft; wildfremde Bürger kamen von weit her für Tage und Wochen, Sachspenden und vieles andere wurde gegeben. Nachbarn halfen und wenn die jüngeren, körperlich starken ihre eigenen Keller und Wände ausgebaut hatten, halfen sie älteren Betroffenen in der Region, die das nicht mehr selber konnten. Viele Standortkommandeure der Bundeswehr haben eigenmächtig Hilfstrupps losgeschickt und einen wesentlichen Beitrag geleistet. Unsere Auftraggeber hatten uns vorab entspannte Grenzen bei der Unterversicherung benannt; teilweise sollten wir 10% und auch 15% Unterversicherung akzeptieren ohne Abzüge. Fast alle Versicherungsnehmer waren ehrlich in den Forderungen, wir hatten nur zwei Fälle, in denen schamlos übertrieben wurde.

Aber auch alle Dienstleister haben Ihren Beitrag geleistet, seien es Schadenregulierer und Makler der Versicherungsindustrie, wir Sachverständige, die Sanierer und auch die örtlichen Handwerker. Unser Büro hat an jedem Tag vor Ort auch Geschädigte aufgesucht, die keinen Elementarschutz hatten und über Erstmaßnahmen und Anlaufstellen informiert. Die zum Teil sehr hohen Preise der Sanierer lagen mit daran, dass diese monatelang auch die Wochenenden durchgearbeitet haben und Samstags- und Sonntagsarbeit kostet halt.

Ein solches Ereignis möchte ich nicht wieder bearbeiten müssen, aber es wird so oder ähnlich wieder eintreten. Dafür sollten wir jetzt Planungen aufsetzen, um künftig noch besser agieren zu können. Der in Notfällen unabdingbare Kitt in Form von großer Hilfsbereitschaft ist in unserer Gesellschaft erfreulicherweise offensichtlich vorhanden.