Fachkreis Rückversicherung bei der Gen Re in Köln

Secondary Perils – Herausforderungen und Chancen für die Versicherungswirtschaft

von Jonas Warnke (17) und Jens Ziser (K/D2)

Jonas Warnke, Fabian Lassen und Jens Ziser

Am 12. März 2026 traf sich der Fachkreis Rückversicherung der VVB zu einer Fachveranstaltung zum Thema „Secondary Perils – Herausforderungen und Chancen für die Versicherungswirtschaft“ bei der Gen Re in Köln. Vertreter von Erstversicherern, Rückversicherern, Brokern, Modellierern, Wissenschaft und Beratung diskutierten am Standort am Theodor-Heuss-Ring aktuelle Entwicklungen rund um Naturgefahren und deren Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft.

Die Veranstaltung bot eine gelungene Mischung aus wissenschaftlichen Perspektiven, Marktanalysen und praktischen Einblicken in neue Lösungsansätze. Gleichzeitig blieb ausreichend Raum für persönlichen Austausch. Besonders die Pausen, das gemeinsame Mittagessen sowie der anschließende Aperitif wurden intensiv für Networking und Diskussionen genutzt.

Ein besonderer Dank gilt der Gastgeberin Kathrin Haltenhof und dem Team von Gen Re, die der Veranstaltung einen professionellen und zugleich sehr angenehmen Rahmen gaben. Organisation, Betreuung der Referenten sowie die kulinarische Begleitung des Tages wurden von den Teilnehmern mehrfach ausdrücklich gelobt.

Kathrin Haltenhof, Jonas Warnke und Jens Ziser

Begrüßung

Zum Auftakt begrüßten Kathrin Haltenhof von der Gen Re sowie die Fachkreisleiter Jonas Warnke und Jens Ziser die Teilnehmer.

Haltenhof stellte den Standort Köln sowie die Rolle von Gen Re im internationalen Rückversicherungsmarkt kurz vor. Sie betonte, dass sich die Branche aktuell in einem Umfeld zunehmender Unsicherheit bewegt – geprägt von geopolitischen Spannungen, klimatischen Veränderungen und neuen Schadenmustern. Gerade in solchen Zeiten komme der Rückversicherung eine zentrale stabilisierende Rolle für Erstversicherer zu.

Die Fachkreisleitung der VVB hob in ihrer Einführung die Bedeutung des fachlichen Austauschs hervor. Themen wie Secondary Perils gewinnen zunehmend an Bedeutung und erfordern eine enge Zusammenarbeit zwischen Versicherern, Rückversicherern, Wissenschaft und Modellierungsexperten.

Christian Badorff

Aktuelle Entwicklungen im Rückversicherungsmarkt

Christian Badorff von Moody’s Ratings eröffnete den fachlichen Teil der Veranstaltung mit einem Überblick über aktuelle Entwicklungen im Rückversicherungsmarkt aus Sicht der Ratingagenturen.

Er zeichnete die Marktentwicklung der letzten Jahre nach: Nach einer langen Phase relativ weicher Märkte kam es insbesondere in den Jahren 2022 und 2023 zu einer deutlichen Marktverhärtung mit steigenden Preisen, reduzierten Kapazitäten und strukturellen Anpassungen vieler Rückversicherungsprogramme.

Seit 2024 zeigt sich eine gewisse Stabilisierung; gleichzeitig bleibt der Markt diszipliniert. Ein wesentlicher Risikotreiber bleibt weiterhin das Haftpflichtgeschäft, insbesondere in den USA, mit Themen wie Social Inflation und Nachreservierungen. Insgesamt sieht Moody’s die Branche weiterhin solide kapitalisiert, betont jedoch die zunehmende Bedeutung eines robusten Risikomanagements.

Christoph Völkening und Jan Winkler

Waldbrandrisiken im Wandel

Christoph Völkening und Jan Winkler von der Gen Re analysierten die zunehmende Bedeutung von Waldbrandrisiken für Versicherer und Rückversicherer. Anhand internationaler Beispiele zeigten sie, dass sich Waldbrandrisiken in vielen Regionen deutlich verändern. Längere Trockenperioden, steigende Temperaturen und veränderte Vegetationsstrukturen führen dazu, dass sich Brände schneller ausbreiten und größere Schäden verursachen können. Für Versicherer entstehen daraus neue Herausforderungen bei Modellierung, Risikobewertung und Pricing. Gleichzeitig gewinnt auch das Thema Prävention zunehmend an Bedeutung – etwa durch bessere Risikoklassifizierungen, bauliche Schutzmaßnahmen oder neue Ansätze in der Risikobewertung.

Dr. Martin Zeckra

Erdbeben im Rheinland – unterschätzte Gefahr?

Dr. Martin Zeckra von der Universität zu Köln widmete sich der Frage, wie realistisch stärkere Erdbeben im Rheinland sind und welche Auswirkungen ein solches Ereignis auf Versicherer haben könnte.

Auch wenn große Beben in Deutschland selten sind, zeigen geologische Untersuchungen, dass entlang bestimmter Störungszonen durchaus relevante seismische Aktivität möglich ist. Besonders interessant war der Blick auf sogenannte induzierte Erdbeben, die durch menschliche Aktivitäten wie Bergbau oder Geothermie ausgelöst werden können.

Für Versicherer bedeutet dies, sehr seltene, aber potenziell schadenintensive Ereignisse in der Risikobewertung angemessen zu berücksichtigen.

Sarah Reuter

Hagelrisiken im Klimawandel

Sarah Reuter von Köln Assekuranz widmete sich in ihrem Vortrag der zunehmenden Bedeutung von Hagelrisiken im Kontext des Klimawandels.

Sie zeigte auf, dass meteorologische Veränderungen zu intensiveren Gewittersystemen führen können. Physikalische Zusammenhänge zwischen Temperatur, atmosphärischer Dynamik und Feuchtigkeit beeinflussen die Entstehung von Hagelereignissen maßgeblich.

Für Versicherer ergeben sich daraus Herausforderungen bei der Modellierung von Schadenpotenzialen sowie bei der Gestaltung von Rückversicherungsprogrammen, da insbesondere in dicht besiedelten Regionen hohe Schadenakkumulationen entstehen können.

Lea Müller

Hochwassermodellierung und Portfolioanalyse

Lea Müller von Moody’s Analytics stellte moderne Ansätze zur Modellierung von Hochwasserrisiken vor.

Anhand von Beispielen aus Großbritannien und Deutschland erläuterte sie, wie datenbasierte Modelle Versicherern helfen können, Gefährdung, Exponierung und Schadenpotenziale besser zu verstehen und Portfolios gezielt zu steuern.

Gerade im Kontext zunehmender Starkregenereignisse gewinnt die präzise Modellierung von Hochwassergefahren weiter an Bedeutung.

Dr. Gerry Lemcke

Parametrische Lösungen und Public-Private-Partnerships

Dr. Gerry Lemcke von der Swiss Re beleuchtete die Rolle von Rückversicherern in Public-Private-Partnership-Strukturen und stellte parametrische Versicherungsmodelle vor.

Ein zentrales Thema war die weiterhin große globale Versicherungslücke bei Naturkatastrophen. Parametrische Lösungen können hier eine wichtige Ergänzung darstellen. Die Auszahlung erfolgt dabei auf Basis objektiver Parameter – etwa Niederschlagsmengen oder Windgeschwindigkeiten – und nicht auf Grundlage individueller Schadenfeststellungen.

Dadurch lassen sich Schäden schneller regulieren und administrative Prozesse vereinfachen. Gleichzeitig eröffnen sich neue Möglichkeiten für staatliche Katastrophenschutzprogramme.

Jens Voges

Extreme Risk Protection – Political-Violence-Markt

Jens Voges von der Gen Re gab einen Überblick über die Entwicklung des Marktes für Political Violence und Terrorrisiken.

Neben klassischen Terrorrisiken gewinnen zunehmend auch politische Unruhen, zivile Unruhen und geopolitische Spannungen an Bedeutung. Diese Risiken sind schwer prognostizierbar und erfordern eine sehr sorgfältige Risikoselektion sowie flexible Deckungskonzepte.

Der Vortrag verdeutlichte, dass sich auch in diesem Segment die Risikolandschaft in den letzten Jahren deutlich verändert hat.

Phillip Esser

Secondary Perils im Fokus

Den abschließenden Fachvortrag hielt Phillip Esser von der Aon, der die wachsende Bedeutung von Secondary Perils aus Sicht des Rückversicherungsmarktes einordnete.

Während früher vor allem sogenannte Peak Perils – etwa große Hurrikane oder schwere Erdbeben – im Mittelpunkt standen, stammt heute ein erheblicher Anteil der Naturkatastrophenschäden aus Secondary Perils wie Starkregen, Hagel, Waldbränden oder lokalen Sturmereignissen.

Besonders interaktiv gestaltete Esser einen Teil seines Vortrags in Form eines kurzen Quiz mit Live-Abstimmung unter den Teilnehmern. Eine der Fragen lautete, ob der Begriff „Secondary Perils“ angesichts der tatsächlichen Schadenbedeutung noch zeitgemäß sei.

Die Mehrheit der Teilnehmer sprach sich dafür aus, den Begriff künftig umzubenennen. Der vorgeschlagene neue Begriff lautete:
Core Perils vs. Emerging / Expanding Perils

Das Ergebnis unterstrich die zentrale Botschaft des Vortrags: Ereignisse, die lange als Nebenrisiken galten, entwickeln sich zunehmend zu zentralen Schadenursachen im Naturkatastrophenbereich.

Fazit aus Sicht der VVB

Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, wie stark sich das Risikoumfeld für Versicherer und Rückversicherer verändert. Secondary Perils entwickeln sich zunehmend von einem Randthema zu einem zentralen Bestandteil der Risikoanalyse und Schadenentwicklung.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Branche intensiv an neuen Lösungsansätzen arbeitet – etwa durch verbesserte Modellierungsansätze, parametrische Versicherungen oder Kooperationen zwischen Versicherungswirtschaft und öffentlichen Institutionen.

Aus Sicht der VVB war die Veranstaltung ein voller Erfolg. Viele Teilnehmer betonten sowohl während der Veranstaltung als auch in den Tagen danach die hohe fachliche Qualität der Vorträge sowie die ausgezeichnete Organisation.

Wie bei Fachkreisveranstaltungen üblich wurden die ca. 65 Teilnehmer auch nach Themenwünschen für zukünftige Veranstaltungen gefragt. Dabei wurden unter anderem vertiefende Diskussionen zu folgenden Themen angeregt:

  • Fachkreise in München und London,
  • Nutzung von Poster-Sessions, und
  • Themen wie z. B. Schicksalsteilung und Third Perils sowie ILS wurden erwähnt.

Die VVB wird diese Anregungen bei der Planung zukünftiger Veranstaltungen berücksichtigen.

Bereits angekündigt wurde zudem die nächste Fachkreisveranstaltung am 24. April 2026 in Köln, die gemeinsam mit dem Fachkreis Versicherungsrecht stattfindet und zugleich Teil der Feierlichkeiten zum 75-jährigen Jubiläum der VVB e.V. ist.

» Die Veranstaltung bei der Gen Re hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig der fachliche Austausch innerhalb der Branche ist – und wie wertvoll Plattformen wie der Fachkreis Rückversicherung der VVB für diesen Dialog sind. «